hermann nitsch about federico vecchi

 

a young artist is comparable to an embryo proceeding through all the stages of life. from the plant over the gill breather to the mammal, until it becomes a human. equally, the young artist undergoes all the stages of art history during his development. in its history, painting never stops looking for itself. first of all painting had to free itself from magic and from the predominance of myth and religion. the anatomical and retinal accuracy of the representation peaked in the renaissance. impressionism led the way to abstraction. malevich´s square and mondrian´s images are considered as art. later on, the informal artist, spilling the colour, spreading it, manages to tackle directly the pigment paste, its fluidity, and grasps its effective substance. thus, he achieves the deepest sensorial experience of colour in its concreteness. art advances one step further. this new colour concept and the use of objects for the assemblage were surrounded by the raising of movement in painting. this gave birth to the performance art. a real happening is experienced by all five senses. his esthetic flair, typical of the italian artistic sensibility, made federico vecchi savouring the substance of colour.so far, we talked about his historical development background. now let´s give a look at his present artistic environment. a lot has happened over the past years. important points have been postulated. many goals have been achieved. today, art befalls only at a high level. therefore it is difficult to create something completely revolutionary. the creation of something different calls for a new perspective. and so for analytical and hermetic efforts. the sensitive talent of federico vecchi provided him with our respect. the hard times of the avant-garde are over.  there is no more need to hide behind dogmas or timetables. now everything is possible, again. federico vecchi deals with drawing, objective structures, constructions, and compositions, almost regressing along old paths. his studies enabled him to use colours according to their pure value and the sensory emanation of objects. in most of his present works the associative, symbolic value of objects becomes fundamental. he begins to paint the objects he uses. it is no more the wild rush of the new which from the dadaism to the fluxus weighed on the use of  real objects in collages and installations.  a new poetry was born by using already existing creations. it is meant to contrast the new with the newest. until external conditions will allow it art will keep on regenerating itself and will never extinguish. there have been and there will be great artistic eras as well as less fertile. the new however, will never stop arising.

 

 

prof. ddr. h. c. hermann nitsch

 

 


 

Erwin Wurm: extracts from the opening speech held for the solo show of Federico Vecchi at Bildraum 07 on the 9th of September 2014 in Vienna.

 

 

I´m really glad to talk about an artist i really appreciate

 

I estimate Federico since some years to be a consequent, calm and quiet worker; whose pictures surprised me when I first saw them

 

They look fast jotted, fast painted like they were made in half an hour. But is not like this. His work is lengthy. The pictures are made slowly and still have a particular speed and dynamic.

 

This is the first point that I found interesting.

 

The second interesting point is that the pictures changes between sculptures and paintings as well as the sculptures changes between sculptural and pictorial.

 

What I found amazing is how he use the colors. In his pictures he use a completely different procedure than in the sculptures.

 

His sculptures are mostly dyed. The color is integral part of the material. Therefore are sometimes not painted.  It happen anyway that some of them are painted. The colors are then use with variegation. It is at least an other procedure  as we know from our culture.

 

The acquaintance with his materiality  is also interesting.  In one of his sculptures series, he works with household items. It is almost a fetishization of the objects.

 

 

I really hope he will get it, that he will go further and get bigger...this is a great show.

 


FEDERICO VECCHI

Rotes Relief und Blaue Blume

 

Die neue ART VON FREI GALLERY in Berlin stellt einen Künstler vor, der schwer in eine Schublade einzuordnen ist: Federico Vecchi. Zu sehen sind Gemälde, Plastiken, Collagen, Zeichnungen, die schon auf den ersten Blick als eigenständige Werkgruppen auszumachen sind. In jedem Medium macht sich der junge Künstler dessen spezifische Möglichkeiten zu eigen und kommt zur selben Zeit zu ganz unterschiedlichen Lösungen. Ein unbedarfter Betrachter würde sie vielleicht sogar verschiedenen Händen zuordnen oder zeitlich weit auseinanderliegend vermuten. Dennoch hängen die innerhalb der letzten drei Jahre geschaffenen Arbeiten recht eng zusammen, wie eine nähere Betrachtung zeigen kann. 

Auch beim Blick auf die Gemälde fallen Unterschiede auf. Die kleineren Arbeiten auf Karton in Öl und Acryl (z. B. „n5 - O.T.“, 2012, Ölfarbe auf Karton, 70 x 83 cm) wirken ganz durch das Komponieren komplementärer Farben zu einer lebendigen Harmonie, jenseits aller gegenständlichen Andeutung, es sind Werke gestischer Abstraktion, einerseits expressiv, andererseits doch gebunden und kontrolliert. Sie entstehen nicht schnell und impulsiv, sondern in vielen Schichten konzentriert aufgebaut. Vielleicht ist der Bezugsrahmen „abstrakter Expressionismus“ daher nicht ganz der richtige für diese Werkgruppe, sondern eher der autonome, fast organische Rhythmus aus Farben und Formen wie bei den späten Bilder von Ernst Wilhelm Nay. 

Etwas weiter gehen die größeren, unregelmäßigen Formate, wie sie seit demselben Jahr 2012 entstanden sind (z. B. „n1 - O.T.“, 2012, Acryl und Öl auf Leinwand, ca. 210 x 150 cm). Die beiden kleinen, ebenfalls unbetitelten Leinwände („n7“ und „n8“, 40 x 61 cm, 2013) scheinen eine Zwischenstufe darzustellen, in der freieren, chaotischeren Bewegung der Farbe, die nun auch in Bahnen verlaufen darf. Es sind selbstgefertigte Rahmen in prismatischen Formen, auf die Vecchi seine Leinwände spannt. Auch das Bild als Ganzes ist demnach geformt und dem Willen des Künstlers unterworfen, der sich nicht allein auf die Wahl des Rechteckformates beschränkt. Diese plastische Behandlung des Objekts setzt sich fort im Umgang mit der Farbe: Acryl und Öl binden starkfarbige Pigmente, es entsteht eine pastose Farbmaterie, die Vecchi in mehreren Schichten aufträgt, mit Pinsel und Spachtel, ganz flüssig angemischte Farbe lässt er aber auch laufen, indem er das Bild auf die verschiedenen Seiten stellt, zusätzlich setzt er auch sparsam Sprühfarbe ein. Dadurch entsteht ein starkes Relief, fast eine Art Skulptur, und die tatsächliche Körperlichkeit der Oberfläche unterstützt die Tiefenbildung durch farblich-malerische Mittel. Dadurch erweitert Vecchi die Möglichkeiten des Bildes und schafft höchst sinnliche plastische Objekte, die übrigens auch in ihren Umraum ausgreifen. Hermann Nitsch spricht vom „tiefsten sinnlichen Erfahren der Farbe in ihrer Konkretheit“ („federico vecchi“, März 2012). 

Man sieht den höchst dynamischen Prozess des Bild-Machens, der ja immer eine Interaktion des kreativen Subjekts mit seiner eigenen Schöpfung ist, und man spürt ihn. Es ist aber nicht die glatt gerakelte Salon-Wildheit eines Gerhard Richter, so beeindruckend das ist, sondern ein Narrativ aus Wildheit und Kraft im Malprozess und auch Zartheit in Empfindung und Balance. Nitsch nennt den Künstler einen „feinnervigen Italiener“, und an dieser Stelle sei auf die Herkunft von Federico Vecchi hinweisen: Geboren in der Emilia, hat er in der dortigen Hauptstadt studiert, in Bologna, an der Akademie, die auf die Carracci zurückgeht, die Brüder Annibale und Agostino und ihren Vetter Lodovico. Für diese Maler des Frühbarock, deren künstlerische Unabhängigkeit und Kraft meist unterschätzt wird, war zeitlebens die Spannung zwischen Figur und Bildinhalt auf der einen und dem begrenzenden Rahmen auf der anderen Seite ein wichtiges Thema. Und Vecchis wichtigster akademischer Lehrer war Prof. Massimo Pulini, Experte für die reiche Bologneser Malerei des 17. Jhs. mit Guercino, Domenichino oder Lanfranco. Übrigens war eine der ersten Beiträge Vecchis zur Kunst 2004, also vor dem Studium an der Akademie, seine Mitarbeit an den riesigen Deckenmalereien von Sol LeWitt im Lesesaal der Stadtbibliothek von Reggio („Whirls and Twirls 1“, publ. Wall Drawing #1126, Venedig: Gli Ori 2004). 

Das Ausgreifen in die Lebenswelt des Betrachters ist noch stärker in den Plastiken. Es sind kleine Güsse aus eingefärbtem Gips, entstanden ab 2014. Dieses Verfahren hatte Vecchi in den Serien „Haustotem“ und „Fetische“ entwickelt, in denen Konservendosen, Waschmittelverpackungen und ähnliche Alltagsgegenstände als Gussformen dienten. Dadurch machte er unser Verhältnis zur Konsumwelt und ihren Hervorbringungen zum Thema, gewiss ein Einfluss von Erwin Wurm, als dessen Assistent Vecchi in Wien lebt und arbeitet Hier sind es nun Plastiktüten, die Vecchi durch Klebeband so verändert, dass sich eigenartig bauchende und kugelige Formen ergeben. Die organischen Assoziationen sind in dieser Werkgruppe noch stärker als in den gleichzeitigen Gemälden, man erkennt statuarische Formen wie bei der Nike von Samothrake, der Venus von Willendorf, aber auch phallische Andeutungen. Auch der performative Aspekt und die Rolle des Künstlers als Schöpfer werden betont: Die Ausgangsmaterialien sind maximal entfernt vom späteren Ergebnis, die Tüten lassen zunächst, wenn der Künstler sie mit Klebeband bearbeitet, die endgültige Form höchstens erahnen, erst im Gussvorgang selbst wird sie vollständig sichtbar. Am Ende lässt Vecchi ihnen noch eine Bemalung in Acrylfarben angedeihen. So entsteht ihr besonderer Reiz, der forschende, fragende Blick auf der Suche nach gegenständlichen Entsprechungen in den geballten, gereckten, gedrückten und geknüllten Formen, der Kontrast zwischen den glatten Oberflächen und ihrer feinen Zeichnung, das Zusammenspiel von Form und Farbe, das Relief aus Spiegel, Reflex und Schatten.

Das Entstehungsverfahren insgesamt hat etwas alchemistisches: Das eine Ausgangsmaterial, der Gips, verändert vollständig Form und Aggregatzustand und lässt seine Physis nicht mehr erkennen, auch seine Farbe wird verändert; das andere, die Tüte, dient lediglich als zeitweilige Hülle, als verlorene Form, die zerstört werden muss, um das Geschaffene zu enthüllen. Diese Werkgruppe entstand nach einem Besuch des Naturhistorischen Museums in Wien, wo Vecchi Mineralien, Meteoriten, exotische Pflanzen und Tiere bestaunte, und – seit wenigen Jahren – auch die genannte Venus von Willendorf, eine jungpaläolithische Statuette. So wie die Gemälde als plastische Malerei gesehen werden können, lassen sich diese Figurinen als malerische Plastik sehen, beide Werkgruppen sind also miteinander verschränkt. Diese Verschränkung der Gattungen ist Vecchi sehr wichtig, wie er sagt.

Noch stärker wird die Verbindung zur Lebenswelt in einer dritten Werkgruppe, den Collagen. Vecchi fertigt sie auf Streifzügen durch die Stadt, auf der Suche nach wild mit Tesafilm befestigten Plakaten, deren Klebestreifen er mit kleinen Papierstücken daran abreißt und auf dem mitgeführten schwarzen Karton zu einer neuen Figuration zusammensetzt. Daraus schafft er sehr poetische Bildeinheiten, wieder im kleinen Format, fragil und prekär im Schwarzraum arrangiert.

Dieser Akt des Auffindens und Aneignens in neuer Anordnung metabolisiert Fragmente der urbanen Welt in Wien. Sie entstehen auf der Straße, Vecchi ist in der Hinsicht ein Straßenkünstler, während des Flanierens durch die Stadt. Ganz ähnlich gingen die „Affichisten“ im Paris der 50er und 60er Jahre vor, allerdings verarbeiteten sie ihre Materialien im Atelier und kamen selbstverständlich zu ganz anderen Ergebnissen – ihnen ist z. Z. eine Ausstellung in der Schirn in Frankfurt gewidmet. Diesen „Nouveaux Réalistes“ (so bezeichneten sich Jacques Villeglé, Raymond Hains, Francois Dufrene, später Mimmo Rotella) ging es um ein Bild der Realität, das die Erfahrung einer verzerrten Realität verarbeitet. 

Ähnlich zart und zerbrechlich wirken die Zeichnungen Federico Vecchis. Es sind ganz experimentelle Werke, bei denen der Prozess eine noch größere Rolle spielt. Die Serie der „empathischen Zeichnungen“ entsteht beim Betrachten der Pflanzen im Atelier, bei denen Vecchi den Blick nicht von seinem Gegenstand wendet und versucht, eine empathische Beziehung zu diesem Subjekt aufzubauen. Auch in anderen Zeichnungen versucht er, das Unbewusste zu wecken, und in den beidhändigen Zeichnungen – wie in der Zeichenschule des berühmten amerikanischen Kunstpädagogen James L. Tadd empfohlen – trainiert er beide Gehirnhälften (dazu die aktuelle Ausstellung „Punkt, Punkt, Komma, Strich – Zeichnen zwischen Kunst und Wissenschaft ,1525 bis 1925“ in der Universitätsbibliothek Heidelberg). Mit der linken Hand malen,  mit der rechten Hand schreiben – das geht bei dem Künstler munter durcheinander.

Federico Vecchis Kunst ist durch und durch performativ, sie lebt durch den Prozess, der überall, in jeder Arbeit, ganz deutlich sichtbar, und am reinsten in den Zeichnungen. Man könnte sagen, er ist ein Performancekünstler, der bildnerisch arbeitet. Auch hier ist wieder auf die Zeit mit Hermann Nitsch zu verweisen, den Vecchi 2008 in Neapel kennengelernt hatte, und dem er half, das dortige Museo Nitsch aufzubauen. Nach einigen Erlebnissen des gemeinsamen Malens wurde Vecchi dann 2011 Nitschs Assistent in Wien. Hermann Nitsch, den charismatischen, als wild verschrienen, aber hochsensiblen und hochgebildeten Künstler bezeichnet Vecchi als seinen „Maestro“, und Nitsch seinerseits lobt Vecchi wie sonst keinen jungen Künstler. 

Viel stärker als Nitsch jedoch achtet Vecchi auch auf das bleibende Ergebnis des Prozesses, das ihm letztlich das Ziel ist. Seine Werke sind ohne jeden Zweifel autonome Kunstwerke, sie sind im höchsten Maße durchdacht, komponiert, gestaltet, und das nicht allein durch Kontextveränderung, sie sind ein ästhetischer Hochgenuss. Diese Verbindung beider Welten ist fast ein Alleinstellungsmerkmal Vecchis. „Die Malerei ist meine erste Liebe“, sagt er, und das sieht man eben auch. Die alte Idee, Kunst und Leben zu verschränken, realisiert er auf ganz eigene Weisen und entwickelt sich dabei ständig weiter. Unter dem Schlagwort „esthétique relationnelle“ – ein Begriff von Nicolas Bourriaud, 1995 – wird diese partizipatorische Verschränkung zur programmatischen Idee einer Richtung der zeitgenössischen Kunst, etwa bei Maurizio Cattelan, Vanessa Beecroft, Rirkrit Tiravanija, Carsten Höller u.a., die Federico Vecchi selbstverständlich wahrnimmt. Viel näher aber liegt ihm vermutlich der romantische Vorläufer dieses Konzepts, die Idee der „progressiven Universalpoesie“, wie sie der Romantiker Friedrich Schlegel mit Novalis entwickelt hat. Darauf gibt Vecchi selbst einen Hinweis, wenn er einem privaten Archivprojekt, das Zeugnisse seines Alltags verwahrt, den Titel „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ gibt („Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / sind Schlüssel aller Kreaturen / Wenn die, so singen oder küssen / mehr als die Tiefgelehrten wissen … und man in Märchen und Gedichten / erkennt die wahren Weltgeschichten / dann fliegt vor Einem geheimen Wort // das ganze verkehrte Wesen fort“). Das ist der Anfang eines Gedichts von Novalis, der in seinem Fragment gebliebenem Hauptwerk „Heinrich von Ofterdingen“ (1800) diese progressive Universalpoesie als synästhetische Verbindung von Wirklichkeit und Traum, Kunst und Natur realisieren möchte. Dabei wird vieles nur angedeutet, der Leser muss sie suchen, die „blaue Blume“, von der im Buch die Rede ist. Das Bild lebendig werden lassen, es wirklich zu erleben und seine blaue Blume finden, das ist das Vergnügen, das nur die Kunst bieten kann – und ganz besonders die Kunst Federico Vecchis.

 

Dr. Marcus Frings 

 

 


Das Herausreißen aus der Unsichtbarkeit

Zu Federico Vecchis Collagen (2014)

 

Wie erfährt ein Künstler die urbane Umwelt? Und inwieweit fließt diese Erfahrung in seine Kunst ein? 

Die Collagen des seit 2011 in Wien lebenden italienischen Künstlers Federico Vecchi weisen – im Unterschied zu den bisher im In- und Ausland ausgestellten Gemälden und Skulpturen – einen unmittelbaren Bezug zur Stadt auf. Vecchis Umgang mit dem Stadtraum ist durch wiederholte Akte des Aufhebens und Sammelns von Fundstücken durchzogen, die mittels Aneignung und ästhetischer Neuanordnung eine bedeutsame Rolle in der Erfahrung der Stadt spielen. Man könnte auch von einem Prozess der ästhetischen Metabolisierung des urbanen Raums sprechen.

Auf zielfreien Wanderungen durch die Stadt macht der Künstler scheinbar unscheinbare Spuren des täglichen Zeichenverkehrs ausfindig: Es sind  Überbleibsel heruntergerissener Plakate an unbeleuchteten Schaufenstern unbenutzter Geschäftsräume, deren Farbe, Form und Anordnung das Augenmerk des Künstlers auf sich ziehen. Aus einem schöpferischen Akt des Aneignens, der am Fundort selbst stattfindet, entstehen die Collagen. Die ästhetische Umwertung der Überreste erfolgt dabei nach den Kompositionsregeln, die Vecchis Malerei zugrunde liegen. Der schwarze Hintergrund, vor dem die Überschichten aus buntem Papier und Klebeband als Figur herausstechen, verweist auf das Herausreißen aus der Unsichtbarkeit.

Die Collagen markieren einen Schnittpunkt in Vecchis künstlerischem Schaffen, an dem er sich von seiner Atelierkunst hin zur künstlerischen Interaktion mit dem öffentlichen Raum wendet. Diese Entwicklung wird vor dem Hintergrund des Archivprojekts Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren, das als private Arbeitsvorlage für sein ganzes Œuvre dient, besonders anschaulich. Auch hier steht das Sammeln und Aufbewahren im Mittelpunkt, wobei keine klare Grenze zwischen Außen (die Stadt) und Innen (Vecchis Wohnung und Atelier als private Dimension der Geborgenheit) gezogen wird. Farbmuster, Etiketten, Schnipsel von Warenverpackungen, Rechnungen, Eintrittskarten, Fahrscheine, Herbstblätter, aber auch Ausweise und private Fotos, Einkaufzettel und Buchausschnitte werden von Vecchi zunächst gesammelt und in seinem Atelier sichergestellt, um dann katalogisiert und in einem Ordner aufbewahrt zu werden. 

Der Titel ist aus dem gleichnamigen Gedicht von Novalis übernommen und liefert  eine wichtige Vorwarnung an den Zuschauer. Allem Anschein einer systematischen Anordnung des gefundenen Bildmaterials zum Trotz entziehen sich „die wahren Weltgeschichten“, die sich in den einzelnen Bildern verbergen, dem erklärenden Blick: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen / Wenn die, so singen oder küssen, / Mehr als die Tiefgelehrten wissen, / […] / Und man in Märchen und Gedichten / Erkennt die wahren Weltgeschichten, / Dann fliegt vor Einem geheimen Wort // Das ganze verkehrte Wesen fort“, ist in dem genannten Gedicht von Novalis zu lesen.  

Das unmögliche Programm einer Systemisierung der Erfahrungen und Begegnungen, der Abstufungen und Stimmungen, der Entdeckungen und Erschütterungen – eine Art „Chemie der Empfindungen“ (Nietzsche) – löst sich bei Vecchi in dem Versuch einer poetischen sowie utopischen Synthese von „Genauigkeit und Seele“ (Musil) auf. Die Fundstücke, die aus dem Austausch mit dem Alltagsleben der Stadt stammen, werden hier wiederum durch ihre Auswahl und Anordnung angeeignet. Sie werden zu Votivbildern, die zur Befriedigung der reflexiven Wollust des Künstlers dienen. Aus der ästhetischen Metabolisierung der Stadt entsteht somit eine „private Ikonostase“*, an deren Oberfläche sich Vecchis Begegnung mit dem urbanen Raum abzeichnet. 

 

 

                                                                                                                                                                                                                                Dr. Giorgio Palma

 

 

 

 

 

* Annemarie Sauzeau, Alighiero e Boetti. Shaman-Showman, Umberto Allemandi & Co, Turin 2001, S. 15. Selbst diese Boetti-Monographie, in der diese Worte auf das Werk Il Muro bezogen sind, gehört zu den privaten Devotionalien von Federico Vecchi.